Was ist eigentlich Navigation?

Und noch wichtiger: wie gestaltet man die perfekte Navigation einer Website? Beim Online-Workshop “Designing The Perfect Navigation” des Smashing Magazine haben wir an zwei Abenden diese und weitere Fragen geklärt.

UX-Guru Vitaly Friedman führte die Gruppe aus internationalen Teilnehmer*innen durch sein gigantisches Archiv aus Positiv- und Negativbeispielen, die er über die Jahre hinweg gesammelt hat. Anhand von Screenshots und Videoaufnahmen haben wir unterschiedliche Lösungen und Umsetzungen von Hamburgern, Slidern, Carousels uvm. in der Gruppe diskutiert und auch bewertet.

Navigation ist überall

Was wir beim Gestalten einer Navigation immer im Hinterkopf behalten sollten: User kommen mit einer bestimmten Absicht auf eine Seite. Als Designer*in kennt man diese vielleicht – vielleicht aber auch nicht! Daher müssen wir versuchen, jede mögliche Absicht zu unterstützen, Antworten zu bieten und durch das Design zum Handeln zu ermutigen. Navigation ist vielseitig und auf keinen Fall nur das, was wir unter der Hauptnavigation, also dem Menü einer Seite, verstehen. Navigation besteht nicht nur aus Hamburger-Menüs oder Dropdowns – alles, mit dem man im Web interagieren kann, ist eine Art von Navigation. Alles, was User von einem Screen zum nächsten bringt, ist Navigation. Sie muss nicht auf allen Seiten gleich aussehen oder ähnlich funktionieren, wichtig ist nur, dass sie hervorsticht.

Der Banana-Test

In den Beispielen von Vitaly wird schnell klar: Selbst ohne Kenntnis chinesischer Schriftzeichen ist es zumindest möglich, zu verstehen, dass man sich auf einer chinesischen Shop-Seite befindet. Auf dieser gibt es eine Suchfunktion, Kategorien und nummerierte Slider. Anhand dieser bekannten Elemente bekommen wir als User eine Vorstellung davon, was auf dieser Website passiert und wie sie funktioniert.

Um dieses blinde Verständnis im Gestaltungsprozess zu prüfen, starten wir den Banana-Test. Hört sich skurril an – ist aber umso effektiver! Bei einer Website oder einem Prototypen ersetzen wir dazu einfach alle Texte mit “Banana”. So wird getestet, ob ein User alleine durch Design, Platzierung oder Anordnung versteht, was für eine Funktion die unterschiedlichen Elemente haben. Gelingt der Test, können wir uns sicher sein, dass die Seite auch ohne Worte verstanden wird.

Die Erwartungen der User

Für die Navigation müssen wir allgemein beachten, welche Funktion die User von bestimmten Elementen erwarten. Zeigt ein Pfeil bei einem Slider nach rechts, erwarten die User natürlich, dass sich der Slider auch nach rechts bewegt. Ein “X” steht bekanntlich für schließen und ein Plus-Symbol für ausklappen oder zum Warenkorb hinzufügen. Sind solche einst gelernten Funktionen plötzlich anders belegt oder funktionslos (bspw. als Deko-Element), führt das zu Frust.

Ein Versuch

So berichtete Vitaly von einem Versuch, bei dem Menüpunkte mit unterschiedlichen Icon-Text-Kombinationen getestet wurden. Zur Auswahl standen die Varianten “> Menü” und “Menü >”. Dabei wurden die Erwartungen der Versuchsteilnehmer*innen ausgewertet und es wurde beobachtet, wohin sie klicken. Das Ergebnis: Die meisten rechneten damit, dass sich das Menü ändert und nicht, dass man auf eine neue Seite kommt. War das Icon links vom Menüpunkt platziert, klickten fast 100% der Teilnehmer*innen auf den Text, weil sie dem Icon in dieser Anordnung nicht vertrauten. Die Teilnehmer*innen nahmen das Icon nur als Deko-Element wahr und vermuteten stattdessen eine Funktion hinter dem Text.

War das Icon rechts vom Menüpunkt platziert, wurde es nicht mehr “ignoriert”, sondern angeklickt. Hier nahmen die Teilnehmer*innen also an, dass auch das Icon eine Funktion hat. Der beste Fall wäre natürlich, dass beide Varianten zum Ziel führen. Denn Icon und Text sollten immer als Einheit funktionieren und ihnen sollten auf keinen Fall unterschiedliche Funktion zugewiesen werden.

Was genau ist nun also Navigation?

Im Grunde geht es dabei immer um bekannte Muster, die von Usern intuitiv erkannt werden. Nun könnte man vermuten, dass es doch die einfachste und sinnvollste Lösung wäre, auf allen Seiten des Internets immer die gleiche Navigations-Logik anzuwenden. Aber wäre das nicht furchtbar langweilig? Es wäre doch schlimm, wenn es nichts Neues und Überraschendes mehr zu entdecken gäbe? Für uns als Digitalagentur wäre dies ein Graus. Denn wir sind stets auf der Suche nach optisch herausstechenden Navigationen, die logisch aufgebaut sind und perfekt funktionieren – wir sagen User-Frust den Kampf an!

Umso mehr freuten wir uns darüber als sich Pascal, seines Zeichens Teamlead der Webentwicklung, unlängst dafür entschied, einen fünftägigen Workshop zu besuchen. Das Schönste daran: er gewährt uns allen nun einen Einblick und berichtet über die Learnings, die er für seinen Arbeitsalltag mitnehmen konnte.

 

“Die genaue Bezeichnung des Workshops lautete ‚Front-End Accessibility Masterclass‘. Im ersten Moment klingt das sehr hochgestochen, aber im Grunde wurden in diesem Workshop verschiedene und aktuelle Themen des Bereichs Barrierefreiheit unter die Lupe genommen. Unter digitaler Barrierefreiheit versteht man, dass Webseiten so gestaltet werden, dass sie auch von Menschen mit bestimmten Einschränkungen, wie bspw. einem geringen Sehvermögen, genutzt werden können. 

 

Der Workshop hatte viele Themen. Sie reichten von der komplexen technischen Perspektive bis hin zur einfachen Bedienung. Auch wurden Tools vorgestellt, mit denen eine Simulation diverser Einschränkungen erstellt werden konnte. Auf diese Weise wurde z.B. getestet, ob Webseiten einer Rot-Grün-Sehschwäche standhalten würden. Das war spannend zu sehen und sorgte für einige Überraschungen.   

 

Natürlich gab es auch den Live-Test. Webseiten wurden auf ihre Barrierefreiheit gemeinsam untersucht. Funfact: Der Weg für die Online-Zugfahrt ist in Deutschland noch gar nicht mal so barrierefrei. Österreich und Italien schnitten hier – laut Kursgeberin – deutlich besser ab. Man bekam schnell ein Gefühl dafür, dass wir manche Punkte noch besser machen können. 

 

Die vielen Themenbereiche und Learnings brauchten Zeit. Der Workshop ging daher über fünf Tage. Der bekannte ‚Klick‘ stellte sich bei mir tatsächlich in dem Moment ein, als ich gesehen habe, was für Möglichkeiten es eigentlich gibt, für eine gute Barrierefreiheit zu sorgen. Und wie einfach genau diese Dinge teilweise umzusetzen sind. Diese Einsicht war irgendwie erschreckend. Etwas mehr anstrengen und wir könnten manche Websites deutlich barrierefreier gestalten! 

 

In meiner bisherigen Laufbahn habe ich noch nie einen so tiefen Einblick in dieses Thema bekommen. Das schließt auch meine Ausbildung mit ein, in der genau dieses Gebiet eigentlich eine lehrreiche und wichtige Unterrichtseinheit ergeben würde. Natürlich ist das Ganze aber auch nicht völlig trivial und auf vieles muss gezielt geachtet werden. Aber wenn dieser Blick von Anfang an in das Projekt eingearbeitet und mitgedacht wird, also schon Teil bei den first steps ist, dann lässt sich das auch umsetzen.

 

Durch den Workshop habe ich ein Gespür für diese Themen bekommen und meine Skills erweitert. Ich weiß nun, worauf ich achten muss und versuche, dieses Wissen in meinen Arbeitsalltag einzubauen.”

In meinem Arbeitsalltag versuche ich seitdem, wenn es irgendwie geht, diese Dinge auch anzuwenden. Ich frage mich selbst: Wurde die Website für die Barrierefreiheit optimiert? Sind die Farben und Kontraste darauf abgestimmt? Was passiert, wenn ich mit meinen Tools eine Einschränkung simuliere? Kann man die Website dann überhaupt noch nutzen?