Warum Overlay-Tools KEINE Barrierefreiheit bieten

Ob durch Gesetze oder gesellschaftlichen Wandel: Barrierefreiheit im Netz rückt in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus des öffentlichen Diskurses. Wir bei nova haben unsere erste barrierefreie website schon vor über 10 Jahren umgesetzt und halten diese Entwicklung für ausgesprochen positive Entwicklung – besonders, aber nicht nur für für Menschen mit Beeinträchtigungen. Der Traum: Ein Netz, in dem sich jeder frei bewegen, orientieren und ausdrücken kann, egal mit welcher Beeinträchtigung. Doch wie kommen wir an diesen Punkt?
An dieser Stelle greifen viele Website-Betrieber zu den so einfach erscheinenden Overlay-Tools. Und deren Marketingversprechen sind verlockend:
Ein schnelles, kostengünstiges Pflaster, welches jede noch so fehlerhafte Website mit einem Klick barrierefrei machen soll. Doch wie so oft ist die Realität leider komplizierter, als sie dargestellt wird.
Was sind Overlay-Tools überhaupt?
Fast so lange wie es das öffentlich zugängliche Internet gibt, gibt es auch Add-Ons, die versprechen, die Barrierefreiheit zu verbessern. Ende 1990 kamen erste Produkte auf den Markt, die man auf Websites installieren konnte, um eine Vorlesefunktion nutzen zu können. Später wurden die ersten Tools entwickelt, die es ermöglichten, Farbkontraste und Schriftgrößen anzupassen.
Die Overlay-Tools, wie wir sie jetzt kennen, entstanden mit der Entwicklung von KI. Was diese Tools versprechen, ist, dass sie einen automatischen Scan einer Website durchführen können, und danach automatisch alle Barrierefreiheitsfehler beheben. Meistens funktionieren diese Tools dadurch, dass sie den Quellcode einer Website mit Javascript verändern, und somit die Originaldarstellung einer Website verändern und überlagern.
Den Nutzer:innen werden dann durch einen Knopf oder Link die Einstellungen dieses Tools zur Verfügung gestellt, in denen sie selbst das Erscheinungsbild der Website weiter anpassen können. Meistens geht es hierbei um Einstellungen wie: Farbdarstellungen, Kontraste, Schriftgrößen, Vorlesefunktionen, Erstellen von Alternativtexten für Bilder, Tastenkürzel zum navigieren bestimmter Bereiche
Auf den ersten Blick klingt das traumhaft gut. Doch leider gibt es dabei mehrere Probleme, die oft übersehen werden. Dazu muss man nur einmal kurz Betroffene fragen.
Das Problem mit Overlay-Tools
Die Kritik an Overlay-Tools ist nicht neu. Schon seit mehreren Jahren sammeln sich immer mehr Stimmen von Betroffenen sowie Barrierefreiheitsexperten, die den Nutzen dieser Tools anzweifeln.
Öffentliche Stellen wie die Überwachungsstellen des Bundes und der Länder für die Barrierefreiheit von Informationstechnik, wie auch die Kommission der Europäischen Union und der internationalen Verband der Accessibility Professionals (IAAP) gemeinsam mit dem European Disability Forum (EDF) haben hierzu bereits Stellungnahmen veröffentlicht, in denen sie sich sehr kritisch gegenüber dieser Tools äußern. Aber warum ist dieses Thema so kontrovers?
Um das größte Problem mit Overlay-Tools zu verstehen, muss man sich erst einmal damit auseinandersetzen, wie Menschen mit Beeinträchtigungen digitale Geräte bedienen.
Nehmen wir zum Beispiel einen Menschen, der auf eine größere Schriftgröße angewiesen ist und hierfür ein Hilfsmittel benötigt. Dieses Hilfsmittel (assistive Technologie) ist für diesen Menschen während der gesamten Interaktion mit dem Gerät nötig, egal ob er sich auf einer Website befindet, ein Textdokument bearbeitet oder einen Videoanruf führt. Und es gibt eine Vielzahl solcher Hilfsmittel: Screenreader, Spezialtastaturen, Spezialmäuse oder Spracheingabesoftware.
Und damit wird das Problem deutlich: Fast alles, was ein Overlay-Tool auf einer einzelnen Website bieten kann, sind Dinge, die bereits vorhanden in Betriebseinstellungen des Geräts, den Einstellungen des Browsers oder aber des individuellen Hilfsmittels. Man muss sich nur hineindenken in die Realität, in der man auf jeder Website individuell ein Hilfsmittel einstellen und konfigurieren muss, um zu verstehen, dass der Nutzen dieser Tools sehr unproduktiv und schlicht unnötig ist.
Wenn man nun noch bedenkt, dass viele Menschen mit Beeinträchtigungen bereits assistive Technologien nutzen, fällt noch ein anderes Problem auf: Die in den Websites integrierten Tools sind häufig nicht auf assistive Technologien abgestimmt und können für Wechselwirkungen sorgen, die die Nutzung der Website eher noch weiter erschweren. So sorgen manche Overlay-Tools dafür, dass Tastenkombinationen, die von assistiven Technologien genutzt werden, überschrieben werden und diese somit unbrauchbar werden.
Für blinde Menschen wirft die Nutzung von Overlay-Tools oft selbst noch größere Probleme auf. Dies liegt an der Integration der Tools. Ein Overlay wird auf einer Website meist als Modal, eine Art Popup, abgebildet. Die normale Funktionsweise eines Modals besteht darin, dass während dieses offen ist, der Inhalt der eigentlichen Website nicht bedienbar ist. Oft wird dies im Kontext von Fehlermeldungen oder passwortgeschützten Inhalten verwendet. Bei Overlay-Tools wird hier jedoch oft die Bedienung des Modals mit der Bedienung der Website gemischt, was es für Tastatur- sowie Screenreader Nutzer:innen unmöglich machen kann, den Fokus richtig zu lenken und die Website zu bedienen.
Die Dias GmbH, Betreiberin des BIK BITV Tests, führte zusammen mit Funka aus Schweden und AnySurfer aus Belgien eine Studie durch, in denen sie aufzeigen, dass auch die Overlay-Tools selbst oft erst gar nicht barrierefrei sind. So sind die Tools teilweise selbst nicht mit der Tastatur ansteuerbar, weisen ein zu geringes Kontrastverhältnis auf, zeigen den Tastaturfokus nicht an, sind nach einschalten nicht mehr abschaltbar und verlangsamen die Website merklich durch die im Hintergrund laufenden Script.
Auch wirft die Nutzung von individuellen Overlay-Tools auf einzelnen Websites datenschutzrechtliche Fragen auf. Wo werden die Einstellungen dieser Tools gespeichert? Wer hat Zugriff auf diese Daten? Diese Informationen sind oft nicht einsehbar.
Overlay-Tools in der Praxis
Gehen wir einmal davon aus, dass eine Person keine weiteren assistiven Technologien nutzt außer Overlay-Tools. Wären diese dann sinnvoll?
Overlay-Tools können sicherlich einen Mehrwert für bestimmte Zielgruppen darstellen. Wenn sie als Ergänzung zu einer bereits barrierefreien Website verwendet werden, können sie dazu beitragen die WCAG-Kriterien der Konformitätsstufe AAA zu erfüllen, und u.a. Menschen mit Farbwahrnehmungsstörungen oder Lese-Rechtschreibschwächen einen Vorteil bieten.
Es ist jedoch ein Trugschluss zu glauben, dass die gesamte Website durch ein einziges solches Tool barrierefrei gemacht werden kann. Die WCAG Richtlinien selbst weisen darauf hin, dass man sich nicht blind auf KI-Tools verlassen sollte. Es gibt mehr als 100 Barrierefreiheitsanforderungen der EN 301 549 und nur wenige davon können tatsächlich automatisiert geprüft, geschweige denn angepasst werden. KI-Tools haben ihr Stärken, doch sie können i.d.R. NICHT:
– Nicht fokussierbare Bereiche finden und den fehlenden Tastaturfokus beheben
– Sinnvolle Alternativtexte zuweisen
– Tastaturfallen identifizieren und beheben
– Dokumente und Videos analysieren und Barrieren beheben (Untertitel/Audiodeskription hinzufügen)
– AIRA-fehler bei Auszeichnung dynamischer Elemente beheben
– Fehlermeldungen verbessern
Die richtige Vorgehensweise für Barrierefreiheit
Auch wenn Abkürzungen verlockend aussehen, ist die einzig richtige Vorgehensweise immer noch der lange Weg. Um wirklich nachhaltige Barrierefreiheit zu garantieren, muss diese bereits in die Konzeption einer Website mit aufgenommen werden oder ein sinnvolles Anpassungskonzept erarbeitet werden.
Overlay-Tools setzen nur bei den Symptomen an, nicht jedoch bei den Ursachen, aber diese sind unumgänglich, wenn man Barrierefreiheit garantieren will.
Auch für jene, die aus rechtlichen Gründen an Barrierefreiheit interessiert sind, ist dies wichtig: Webauftritte öffentlicher Stellen sind nur barrierefrei, wenn sie die in der EU-Richtlinie 2016/2102 ergebenden Anforderungen zur Barrierefreiheit auch ohne die Verwendung von Overlay-Tools erfüllen.
Und: Overlay-Tools sowie assistive Technologien funktionieren nur dann gut, wenn die Website bereits darauf ausgelegt ist, sich nachhaltig anpassen zu lassen, z.B. dadurch, dass der Text nicht abgeschnitten wird, wenn größere Schriften eingestellt werden.
Barrierefreie Websites sind nicht nur ein schönes Could-have, sondern ein integraler Bestandteil einer inklusiven Gesellschaft, in der alle Personen die gleichen Chancen und Möglichkeiten bekommen, auch im Netz.

Jens Lingenau Experte für Barrierefreiheit (IAAP CPACC)
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