Vom Duzen und Siezen

Darf ich Dir, äh Ihnen, äh – sind wir schon beim Du?

Sprache
Von Silja Becker

Ist Siezen heute überhaupt noch zeitgemäß? Nein, finden große und internationale Firmen wie Google, Lidl, Ikea oder Otto – sie alle haben eine Duz-Kultur eingeführt und dadurch viele weitere Unternehmen inspiriert, das “Du” zur festen Umgangsform zu machen. In traditionellen Branchen – beispielsweise im Rechts-, Medizin- oder Finanzbereich – wird zwar noch fleißig gesiezt, aber das ist längst nicht mehr die Regel. Laut einer Umfrage von Stepstone duzt mittlerweile jede dritte befragte Fachkraft alle Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten an ihrem Arbeitsplatz, denn besonders in Startups, in der IT-Branche und im Medienbereich ist das “Du” zum Standard geworden.

Auch bei nova haben wir uns für eine Duz-Kultur entschieden, und die Vorteile spiegeln sich jeden Tag in unserem Arbeitsklima wider: eine Ansprache mit “Du” erzeugt persönliche Nähe, schafft ein Gemeinschaftsgefühl und fördert das Vertrauen. Das motiviert unser Team und führt dazu, dass alle sich mit nova identifizieren können – und so erreichen wir Ergebnisse, auf die wir stolz sein können. Auch neue Kolleginnen und Kollegen fühlen sich in der offenen Kultur wohler, denn förmliche Barrieren fallen weg und die Aufnahme ins Team fällt leichter, wenn die Anrede von Anfang an klar ist.

Duzen fördert also eine positive Firmenkultur – aber wieso eigentlich? Warum macht es für die Stimmung im Team überhaupt einen Unterschied, wie wir uns ansprechen? Sind nicht andere Dinge wie die Fehlerkultur, die eigene Entscheidungsfreiheit oder gar die Ausstattung des Büros wichtiger, um eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen?

Der Ursprung des Siezens

Wir begeben uns auf eine kleine Zeitreise, um den Ursprung des Siezens zu verstehen. Dafür spulen wir zurück ins 16. Jahrhundert, als die Leute sich gegenseitig mit “Ihr” ansprachen. Auch eine einzelne Person wurde hier in der zweiten Person Plural angesprochen – also sagte man “Geht es Euch gut?” statt “Geht es Dir gut?” So wird die Person nicht direkt angesprochen – stattdessen wirkt es, als sei sie Teil einer Gruppe. Irgendwann wurde aus dem “Ihr” das heutige “Sie”, das eigentlich in der dritten Person Plural eine Gruppe bezeichnet – es wird aber im Singular verwendet, um niemandem zu nahe zu treten.

Diese Distanz fördert die Höflichkeit, denn durch das “Sie” wird quasi verschleiert, wer eigentlich gemeint ist. Der Linguist Horst J. Simon erklärt das so: Beim Sprechen ist man umso höflicher, je indirekter man unangenehme Dinge anspricht. Eine weniger direkte Anrede soll dabei die Vorzüge der angesprochenen Person in den Vordergrund stellen und ihr Gemüt schonen. Jemanden mit “Du” anzusprechen, ist dafür zu direkt und eindeutig.

Früher nutzte man Anreden wie “Euer Gnaden”, um die Dominanz von Adligen auszudrücken – später wurde das “Sie” genutzt, um Hierarchien in Unternehmen deutlich zu machen. Dafür gab es bestimmte Regeln, die auch heute noch Anwendung finden. Das “Du” darf zum Beispiel nur von einem Ranghöheren angeboten werden – wenn keine klaren Unterschiede wie zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden bestehen, zählen Alter oder Dienstjahre. Außerdem gilt das altbekannte “Ladys first”: Die Frau soll den Mann zum Duzen auffordern. Weitere Regeln: Das “Du” sollte nicht abgelehnt werden, wenn es von Vorgesetzten angeboten wird – und einen Weg zurück vom “Du“ zum “Sie” gibt es auch nicht. Dazu kommen Ausnahmen, bei denen das Angebot des Duzens nur für einen Abend gilt – zum Beispiel bei lockerer Stimmung auf einer Firmenfeier, die am nächsten Arbeitstag wieder verflogen ist. Ganz schön kompliziert, oder? Wir sind jedenfalls froh, uns am Arbeitsplatz keine Gedanken über diese Regeln machen zu müssen.

Distanz oder Augenhöhe?

Es gibt aber viele Menschen, denen das Sie im Arbeitsalltag lieber ist – denn es wahrt die professionelle Distanz. Befürwortende des Siezens argumentieren, dass Konflikte oder schwierige Gespräche per Sie respektvoller und diskreter ausgetragen werden können. Das liegt vermutlich daran, was wir schon bei unserer Zeitreise festgestellt haben: Die betreffende Person wird auch bei unangenehmer Kritik weniger direkt angesprochen. Laut Job-Fachleuten führt das Siezen insgesamt zu einem freundlich-distanzierten Miteinander.

Damit sind wir allerdings genau dort angekommen, was wir für unsere Arbeit bei nova nicht wollen: Distanz. Vor allem intern im Team möchten wir auf Augenhöhe kommunizieren und finden, dass das “Sie” dabei einen zu steifen und altmodischen Charakter hat und sich autoritär anfühlt. Um insgesamt eine positive Arbeitsatmosphäre zu schaffen, sind natürlich auch andere Dinge wichtig – nur das Duzen alleine reicht nicht.

Weil wir die Vorteile unserer Duz-Kultur jeden Tag im Team erleben, haben wir uns für einen nächsten Schritt entschieden: Auf unserer neuen Website duzen wir auch unsere Kundinnen und Kunden. Selbstverständlich respektieren wir bei gemeinsamen Workshops und während der Zusammenarbeit auch die präferierte Ansprache unserer Kundinnen und Kunden.

Eines ist uns aber wichtig: Die Zeiten, in denen Agenturen reine Dienstleister waren, sind vorbei – denn eine gemeinschaftliche Realisierung von Projekten führt eindeutig zu besseren Ergebnissen. Durch die Ansprache mit “Du” wollen wir Distanzen überwinden, ein Gefühl von Vertrauen vermitteln und persönliche Nähe erreichen – denn für erfolgreiche Projekte müssen wir uns in unsere Kundinnen und Kunden hineinversetzen, um ihre Wünsche und Herausforderungen zu verstehen. Und das klappt besser, wenn wir ganz offen und locker miteinander sprechen können – ohne Hemmschwellen und Hierarchien und ohne Angst davor, Fragen zu stellen.

Zum Schluss haben wir noch eine Bitte: Vielleicht lesen Sie als eine:r unserer Kunden und Kundinnen gerade diesen Blogbeitrag – falls wir uns noch siezen, dann bieten Sie uns doch gerne beim nächsten Termin das “Du” an!

Silja Becker
Silja BeckerKommunikation
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